Forderungen zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein 2027

Der vorliegende Forderungskatalog ist das Ergebnis unserer täglichen Arbeit mit den Studierenden und spiegelt die dringenden Handlungsbedarfe wider, die wir für eine zukunftsfähige Hochschulpolitik in Schleswig-Holstein identifiziert haben.

2. Reform des BAföG-Vollzugs (Landesebene)

Während die Sätze Bundessache sind, liegt die Verwaltung beim Land und dem Studentenwerk. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.

Digital-First-Antragstellung

Weg von komplizierten PDF-Wüsten. Wir fordern ein intuitives, voll-digitales Antragsportal, das Daten (wie Steuerbescheide der Eltern) automatisiert abruft, sofern die Zustimmung vorliegt.

Bearbeitungsgarantie („Speedy BAföG“)

Einführung einer gesetzlichen Frist. BAföG-Anträge müssen innerhalb von maximal sechs Wochen beschieden werden. Bei Überschreitung dieser Frist muss automatisch eine vorläufige Auszahlung unter Vorbehalt erfolgen, um existenzbedrohende Zahlungslücken zu vermeiden.

Personalaufbau in den Ämtern

Um die Bearbeitungszeiten zu senken, müssen die Stellenpläne in den Ämtern für Ausbildungsförderung an die tatsächliche Antragslast angepasst werden.

Elternunabhängiges BAföG stärken

Im Bundesrat soll sich Schleswig-Holstein für ein grundsätzlich elternunabhängiges BAföG einsetzen

3. Wohnraum & Soziale Infrastruktur

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Universitätsstädten ist chronisch. Wir fordern eine Abkehr von kurzfristigen Förderlogiken hin zu einer dauerhaften und inklusiven sozialen Absicherung.

Bauoffensive „Junges Wohnen“

Massive Aufstockung der Landesmittel für das Studentenwerk SH zum Neubau und zur energetischen Sanierung von Wohnheimplätzen. Das Land muss seiner Verantwortung gerecht werden, ausreichend Kapazitäten für die steigenden Studierendenzahlen bereitzustellen.

Einführung einer dauerhaften Preisbindung

Wir fordern ein Ende der Befristung von Sozialbindungen im studentischen Wohnbau. Öffentlich geförderter Wohnraum darf nicht nach 20 oder 25 Jahren aus der Bindung fallen. Einmal mit Steuermitteln gefördert, muss dieser Wohnraum dauerhaft mietpreisgebunden bleiben, um auch zukünftigen Generationen bezahlbares Wohnen zu garantieren.

Spezifischer Ausbau für internationale Studierende

Angesichts der besonderen Hürden auf dem freien Wohnungsmarkt fordern wir die Schaffung und Zweckbindung von Wohnheimkapazitäten speziell für internationale Studierende. Dies muss einhergehen mit mehrsprachigen Beratungsangeboten und der Vereinfachung von Mietprozessen ohne deutsche Bürgschaften, um Schleswig-Holstein als attraktiven und gastfreundlichen Wissenschaftsstandort zu stärken.

Stärkung der Mensen

Erhöhung der laufenden Zuschüsse für das Studentenwerk, um die Preise für das Mensa-Essen trotz steigender Kosten stabil zu halten. Eine warme Mahlzeit am Tag muss unabhängig vom Geldbeutel gesichert sein.

4. Hochschulfinanzierung & Qualität der Lehre

Sparmaßnahmen führen aktuell zu einem „Bildungsabbau“, der die Zukunftsfähigkeit des Landes gefährdet.

Stopp der Wiederbesetzungssperren

Die Praxis, freiwerdende Stellen an Hochschulen monatelang nicht neu zu besetzen, muss beendet werden. Dies führt zu überfüllten Seminaren und längeren Korrekturzeiten.

Sicherung der kleinen Fächer

Schutz von Orchideenfächern und geisteswissenschaftlichen Studiengängen vor der Schließung durch kurzfristige Rentabilitätsrechnungen.

Dauerstellen für Daueraufgaben

Umwandlung von befristeten Projektstellen in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse für den akademischen Mittelbau, um die Betreuungsqualität zu sichern.

5. Digitalisierung & Moderne Infrastruktur

Die hybride Lehre ist Standard, die Finanzierung jedoch oft noch projektbasiert.

Verstetigung des Hochschulbündnisses Digitalisierung SH

Überführung der Projektförderung in eine dauerhafte Finanzierung von IT-Infrastruktur und digitalen Lernplattformen.

Lernraum-Garantie

Ausbau von modernen Einzel- und Gruppenarbeitsplätzen mit stabiler WLAN-Abdeckung an allen Standorten, auch außerhalb der Bibliotheksöffnungszeiten.

Sicherung der Grundfinanzierung durch das Land

Wir fordern eine gesetzlich verankerte Finanzierungsgarantie durch die Landesregierung. Die Hochschulen müssen so ausgestattet werden, dass sie ihre Grundaufgaben in Lehre und Forschung ohne ständige Abhängigkeit von befristeten Drittmitteln oder Sonderprogrammen erfüllen können.

Steigerung der Lehrqualität durch Innovation

Die Digitalisierung muss dazu genutzt werden, die Qualität der Lehre messbar zu steigern. Dies umfasst die Förderung hybrider Lehrformate, die bessere didaktische Qualifizierung des Personals und die Bereitstellung interaktiver Lernressourcen, um den Studienerfolg nachhaltig zu sichern.

8. Schutz der internationalen Mobilität & rechtsstaatliche Klarheit bei Dienstpflichten

Seit der Reaktivierung von § 3 Abs. 2 WPflG zum 1. Januar 2026 befinden sich männliche Studierende in einer rechtlichen Grauzone. Eine bloße Verwaltungsvorschrift des Verteidigungsministeriums bietet keine ausreichende Rechtssicherheit für die Planung von Auslandssemestern und Forschungsaufenthalten.

Gesetzliche Suspendierung der Ausreisesperre

Wir fordern das Land Schleswig-Holstein auf, über den Bundesrat eine Gesetzesinitiative zur Streichung oder dauerhaften Suspendierung der Genehmigungspflicht für Auslandsreisen (§ 3 Abs. 2 WPflG) in Friedenszeiten einzuleiten. Ein „politisches Versprechen“, die Regelung derzeit nicht anzuwenden, ist juristisch unzureichend und mit dem Bestimmtheitsgrundsatz des Rechtsstaats unvereinbar.

Garantie der akademischen Freizügigkeit

Internationale Mobilität (z. B. Erasmus+, Double-Degree-Programme) ist ein Kernbestandteil moderner Biografien. Diese darf nicht unter den Generalvorbehalt wehrbehördlicher Genehmigungen gestellt werden. Das Land muss sicherstellen, dass studentische Mobilität niemals durch wehrrechtliche Erfassungs- oder Genehmigungspflichten eingeschränkt oder verzögert wird.

Verhinderung struktureller Ungleichbehandlung

Die aktuelle Regelung betrifft ausschließlich männliche Staatsbürger und schafft damit eine Ungleichheit beim Zugang zu internationaler Bildung. Wir fordern die Landesregierung auf, sich gegen jede Form der „schleichenden Wehrpflicht“ einzusetzen, die die europäische Freizügigkeit (Art. 21 AEUV) untergräbt.

Transparenzpflicht der Hochschulen

Wir fordern die Hochschulleitungen in SH auf, sich gegenüber der Landes- und Bundespolitik klar gegen die Wehrdienst-Modernisierungsgesetze zu positionieren, sofern diese die Internationalisierungsstrategien der Hochschulen durch bürokratische Ausreisehürden konterkarieren.

10. Förderung von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern

Bildungserfolg darf in Schleswig-Holstein nicht von der Herkunft abhängen. Wir fordern eine gezielte Unterstützung für „First Generation Students“, um den sozialen Aufstieg durch Bildung realisierbar zu machen.

Verstetigung und Ausbau von Mentoring-Programmen

Das Land muss Programme finanziell absichern und fördern, die Studierende aus bildungsfernen Schichten vom Studieneinstieg bis zum Abschluss begleiten. Erfahrene Studierende und Alumni sollen als Rollenvorbilder gefördert werden.

Aufbau von „First-Generation-Servicestellen“

Jede Hochschule in SH muss eine zentrale Anlaufstelle schaffen, die spezifisch auf die Bedürfnisse von Studierenden ohne akademischen Hintergrund zugeschnitten ist (Unterstützung bei BAföG, Stipendiensuche, wissenschaftlichem Arbeiten und Vernetzung).

Transparenz bei Stipendien

Einführung einer landesweiten Informationskampagne zu Stipendienwerken. Viele Studierende aus nicht-akademischen Familien bewerben sich nicht auf Stipendien, weil sie fälschlicherweise glauben, diese seien nur für Hochbegabte reserviert.

Anerkennung von Vielfalt als Qualitätsmerkmal

Die Hochschulen müssen verpflichtet werden, soziale Diversität in ihren Leitbildern zu verankern und Lehrende für die spezifischen Hürden von Erststudierenden zu sensibilisieren.

12. Gesundheitliche Chancengleichheit und Entstigmatisierung (psychische Gesundheit und Neurodiversität)

Ein Studium darf nicht an unzureichender medizinischer Versorgung oder der Sorge um die berufliche Zukunft scheitern. Wir fordern eine Hochschule, die Menschen mit unterschiedlichen gesundheitlichen Voraussetzungen und Unterstützungsbedarfen aktiv integriert.

Ausbau der Diagnose und Behandlungskapazitäten für Erwachsene

Wir fordern den Ausbau der Kapazitäten zur Diagnostik und Behandlung im Erwachsenenalter. Wartezeiten von mehreren Monaten bis über einem Jahr sind nicht hinnehmbar. Gleichzeitig entstehen häufig finanzielle Hürden, da diagnostische Verfahren im Bereich der Neurodivergenz oft nicht vollständig von den Krankenkassen übernommen werden. Der Zugang zu Unterstützung ist dadurch sozial ungleich verteilt.

Sensibilisierungsoffensive für Lehrende

Verbindliche Fortbildungen für Lehrende zu unterschiedlichen Lern- und Arbeitsweisen sowie psychischen Belastungen. Ziel ist die proaktive Umsetzung von Nachteilsausgleichen ohne bürokratische Hürden.

Rechtssicherheit bei der Verbeamtung

Das Land Schleswig-Holstein soll klarstellen, dass gesundheitliche Vorerkrankungen oder Psychotherapie kein pauschales Ausschlusskriterium sind. Maßgeblich ist die aktuelle und prognostische Dienstfähigkeit.

Niederschwelliger Therapie-Zugang am Campus

Massive Aufstockung der psychologischen Beratungsstellen (PBA) des Studentenwerks SH. Diese müssen als erste Brücke fungieren, um Studierende in Krisenzeiten sofort aufzufangen, bevor sie im regulären Gesundheitssystem auf monatelange Wartelisten stoßen.